Familienunternehmen als gesellschaftliche Akteure

Dr. Andreas Möller in der Punch 04

Dr. Andreas Möller,
Leiter des Zentralbereichs Unternehmenskommunikation und Politik des Werkzeugmaschinen- und Laserherstellers TRUMPF

Achtsam nach allen Seiten zu agieren, ist für Unternehmen eine Herausforderung. Dafür braucht es eine besondere Haltung. Wie es geht, macht TRUMPF vor, als Hersteller von Werkzeugmaschinen sowie Lasern und Elektronik für industrielle Anwendungen. Das unabhängige Familienunternehmen ist international erfolgreich, gerade weil grundlegende Werte gelebt und gemeinsame Ziele angestrebt werden. TRUMPF bekennt sich offen zu seiner gesellschaftlichen Verantwortung und schafft mit einer transparenten Kommunikation etwas Besonderes: Vertrauen. Dr. Andreas Möller, Leiter des Zentralbereichs Unternehmenskommunikation und Politik bei TRUMPF, gewährt uns einen Einblick in die Prinzipien und Handlungsweisen des Hightech-Unternehmens.

Mittelständische Familien­unternehmen waren insbesondere in Zeiten des Wirtschaftswunders und den Folgejahren hoch angesehen – gerade auch für ihr gesellschaftliches Engagement. Welche besonderen Zeichen wurden hier gesetzt und welche Wirkung konnten sie entfalten?
Die wohl wichtigste Botschaft war, dass es nach vorn geht, dass sich nach dem Krieg und einem Zeitalter der Ideologie ganz pragmatisch etwas in Richtung Wohlstand und Zukunft bewegte. Der Erfolg – so die Grundidee der sozialen Marktwirtschaft – sollte geteilt werden. Erstmals spielte die Eigenverantwortung gesamtgesellschaftlich eine Rolle, nachdem sich der Einzelne unter einen rigiden Staat hatte fügen müssen. Die Begeisterung für Technik und Industrie war daher kein weltabgewandtes Tüfteln, sondern Ausdruck eines Gestaltungswillens. Das wird exemplarisch an der Biografie Berthold Leibingers deutlich, der zwei Jahre nach der Währungsreform des Jahres 1948 Abitur machte und bei TRUMPF als Lehrling anfing. Mittelständische Familienunternehmen sind bis heute vor allem in den Regionen stark verwurzelt. Aus dieser Verwurzelung erwächst eine besondere Verantwortung für Mitarbeiter, aber auch Institutionen in Kunst, Kultur, dem sozialen Bereich, der kirchlichen Tradition – eine frühe Form des „Citizenship“, wenn man so will.

Wie hat sich das öffent­liche Unternehmerbild bis heute gewandelt? Was hat sich an der Wahrnehmung von Unter­nehmen in der Gesellschaft verändert?
Viele Unternehmen haben sich über histor­ische Zäsuren und konj­unkturelle Krisen hinweg als Konstanten mit einer hohen Standorttreue erwiesen. Das wissen die Menschen. Und vielleicht ist auch die gesellschaftliche Verantwortung gerade bei Familienunternehmen längst vor der Entdeckung der Corporate Social Responsibility (CSR) intrinsischer vorhanden. Die Bindekraft von Unternehmen ist heute insgesamt eine andere geworden. Genau wie Parteien und Kirchen um ihre Mitglieder werben, sehen Unternehmen einen stärkeren Nutzen in der eigenen Markenpflege. Aus diesem Grund arbeiten sie nicht nur an ihren Produkten, sondern schaffen Narrative, geben Werteversprechen.

Die Halbwertzeit von Images ist wie in allen anderen Bereichen des öffentlichen Lebens eine andere. Nicht nur, weil die Schlagzahl der Informationen zugenommen hat, sondern auch, weil es uns leichter fällt, Beziehungen zu überdenken und über Bord zu werfen. Tagesmeldungen haben mittlerweile die Kraft, Marken, Branchen oder auch „die Wirtschaft“ in Misskredit der Öffentlichkeit zu bringen. Die Folge ist, dass die Notwendigkeit der Reputationspflege steigt, was nicht zuletzt beim Wettbewerb um neue Mitarbeiter entscheidend ist. Obwohl zwei Drittel der Medienberichterstattung zu den DAX 30 stattfindet, aber zwei Drittel der Arbeitsplätze in Deutschland nicht DAX 30 sind, gilt das für große wie für kleine Unternehmen gleichermaßen.

Können wir vom Fabrikanten von damals lernen, was die Haltung angeht?
Ich bin kein Freund historischer Vergleiche. Jede Zeit folgt ihrer Logik und entwickelt eigene Rezepte. Die Halbwertzeit von Prognosen, auf die Unternehmen ihre Planungen abstellen, ist infolge der Globalisierung geringer geworden. Dies stellt heutige Unternehmenslenker vor neue Herausforderungen. Aktuell wird dies an einem Thema wie Industrie 4.0 deutlich, das die Geschäftspraxis nicht nur im Maschinenbau grundlegend verändert.

Neben neuen Qualifikationen kommen soziologische Faktoren wie veränderte Wertebilder (Stichwort Generation Y) hinzu, Präferenzen für Berufswünsche, der demografische Wandel, letztlich auch die gegenwärtige Migrationsbewegung aus dem Ausland nach Deutschland. Sie erfordern eine vielfach höhere Anpassungsfähigkeit. Die Zeit der „Stein-Strategie“ – dem Abwarten und Innehalten – ist also passé. Aber vielleicht sind die Unternehmer der Wirtschaftswunderzeit in punkto Aufbruchsgeist, Krisenfestigkeit und dem Blick für die Mitarbeiter gute Orientierungsfiguren, ja.

Wie engagiert und präsentiert sich heute ein Unternehmen wie TRUMPF mit dem Blick auf die eigene Tradition und dem Handeln in Richtung Zukunft bei hochdynamischen Märkten?
Ich sehe da keinen Interessenskonflikt, sondern eine notwendige Ergänzung. Die Brücke zwischen der permanenten Anpassung auf der einen und dem Bewusstsein einer spezifischen Kultur der Verantwortung auf der anderen Seite lässt sich gut schlagen. Unsere Zusammenarbeit mit dem Behindertenzentrum bhz Stuttgart existiert seit 20 Jahren. Hinzu gekommen sind neue Themen wie die Inklusion und jüngst auch die Flüchtlingsthematik, bei der wir als Unternehmen nicht abseits stehen können und wollen.

Davon unberührt ist aber die Tatsache, dass wir über die Rolle der Arbeit im Zeitalter der Digitalisierung nachdenken oder zunehmend Geschäftsanteile im Ausland generieren. Ich würde deshalb sagen: Wir nehmen die Gesellschaft und ihre Bedürfnisse heute mit wacheren Augen wahr, gerade weil sich die Märkte so schnell verändern und man auch hinsichtlich sozialer und medialer Einflüsse agil bleiben muss.

Das gilt im Übrigen für die meisten Themen, die Unternehmen betreffen. Aus dem Selbstbewusstsein eigener Leistungen heraus glaubte die Wirtschaft früher, es reiche aus, „inside out“ zu denken und eine neue Technik schlüsselfertig in die Welt zu stellen. Wir müssen aber mehr denn je „outside in“ denken, um Kundenwünsche und Gesellschaft frühzeitig zu antizipieren. Man opfert seine Grundwerte deshalb nicht, sondern bewahrt sie.

Warum steigt die Bedeutung nachhaltigen Wirtschaftens? Und wie können mittelständische Unternehmen wie TRUMPF diese Entwicklung für sich nutzen?
Es gibt mehrere Trends, die sich überlagern. Neben der Zunahme regulatorischer Vorgaben auf nationaler und europäischer Ebene wird von Unternehmen heute stärker als früher erwartet, dass sie Vorbild in gesellschaftsrelevanten Bereichen sind, während einstmals Profitabilität und Preis entscheidend waren. Neben der Mitarbeiterkultur zählen Fragen des gesellschaftlichen Engagements, der ressourcenschonenden Produktionsweise, fairer Kunden- und Lieferantenbeziehungen heute selbstverständlich zum Erscheinungsbild von Unternehmen dazu. Der Kunde fragt nicht mehr nur nach dem Produkt, sondern auch nach der Produktion. Sie ist mittlerweile ein quantifizierbarer Entscheidungsfaktor – nicht anders als bei unseren Kaufentscheidungen im täglichen Leben, etwa im Lebensmittelbereich.

Unternehmen wie TRUMPF profitieren insofern davon, dass sie gesellschaftlichen Themen nicht nur einen hohen Stellenwert einräumen und vorleben; so hat TRUMPF einen Zentralbereich „Nachhaltiges Wirtschaften und Sicherheit“ geschaffen, der diesen Ansatz mit konkreten Zielen und Maßnahmen weiterentwickelt. Sie bieten ihren Kunden auch marktseitig State of the Art-Technologien für mehr Effizienz und einen geringeren Material- und Energieeinsatz. Solche Innovationen sind gelebtes Ressourcenbewusstsein.

Lässt sich auch die Industrie 4.0 in punkto gesellschaftlicher Verantwortung und Arbeitgebermarke positiv kommunizieren?
Technische Innovationen sind allen Unkenrufen zum Trotz noch immer faszinierend, gerade in einem unter dem Strich so technikaffinen Land wie Deutschland. Das gilt für neue Haushaltsgeräte, Smartphones oder Energietechnologien nicht anders als für industrielle Laser-Anwendungen, man kann das auf jeder Messe beobachten.

Ich bin davon überzeugt, dass man mit dem öffentlichen Vertrauen in Familienunternehmen und ihre Werte auch Technologien wie Industrie 4.0 positiv kommunizieren kann. Im Falle von TRUMPF ist neben der Technologieführerschaft dabei das positive Branding hinsichtlich unserer Werte und Arbeitszeitmodelle entscheidend. Wir wissen uns eins mit der IG Metall, wenn wir sagen, dass der Mensch auch in Zukunft im Zentrum des Wirtschaftens stehen wird. Immer da, das zeigt die Geschichte der Automatisierung, wo produktivere Arbeitsplätze entstanden sind, führte dies zu zusätzlicher Arbeit. Denn eine höhere Produktivität bedingt zusätzliches Wachstum.

Die zweite Ebene von 4.0 berührt den verantwortungsvollen Umgang mit Daten. Dass uns die Glaubwürdigkeit eines Familienunternehmens nützt, das jahrzehntelange Kundenbeziehungen pflegt, zeigte bereits die Gründung der TRUMPF Bank. Sie hat in unserer Branche und weit darüber hinaus für Aufsehen gesorgt, als Kreditinstitute eher in der Kritik standen. Insofern glauben wir, auch beim Thema Industrie 4.0 gute Karten in punkto Kundenvertrauen zu haben. Wir erleben dies auch anhand der positiven Reaktionen auf unsere neue Geschäftsplattform AXOOM.

Wo sehen Sie die Chancen und Pflichten ganzheitlichen unternehmerischen Handelns für die Zukunft?
Am Ende ist es vor allem eine Frage des Anspruches an sich selbst, den auch das Motto des gerade erschienenen Geschäftsberichts von TRUMPF unterstreichen mag. Es geht um Verantwortung in allen Facetten, in den sich dramatisch verändernden Märkten und Geschäftsmodellen ebenso wie in Fragen der Umwelt und Arbeitsqualität. Vor diesem Hintergrund haben wir ein auf den ersten Blick ungewöhnliches Motiv des Fotografen Josef Darchinger für die Titelseite ausgewählt. Mit ihm schließt sich auch der Kreis zu Ihrer Eingangsfrage: Es zeigt Kinder der Wirtschaftswunderjahre, im Hintergrund Autos als Insignien der Technikbejahung und Wohlstandsorientierung.

Für seine Gedanken zum Thema Wirtschaft und Gesellschaft danken wir Dr. Andreas Möller.

Er ist Leiter des Zentralbereichs Unternehmenskommunikation und Politik des Werkzeugmaschinen- und Laserherstellers TRUMPF. Bevor er zu TRUMPF kam, arbeitete Andreas Möller als Leiter Corporate Public Affairs der Aurubis AG, Europas größtem Kupferproduzenten. Bis 2011 leitete der Historiker mit Fable für Fragen der gesellschaftlichen Technikakzeptanz die Politik- und Gesellschaftsberatung von acatech – Deutsche Akademie der Technikwissenschaften. Er verantwortete u.a. die Geschäftsstelle des „Innovationsdialogs“ mit Bundeskanzlerin Merkel. Seine Laufbahn begann er 1999 als Journalist beim Deutschlandradio.